Trnava gehört zu den ältesten Städten der Slowakei. Wegen ihrer zahlreichen Kirchen, Klöster und sakralen Denkmäler trägt sie den Beinamen Kleines Rom. Doch dahinter steckt weit mehr als eine eindrucksvolle Silhouette aus Kirchtürmen: Fast drei Jahrhunderte lang war Trnava Sitz der Erzbischöfe von Gran (Esztergom), ein bedeutendes Zentrum der katholischen Kirche im Königreich Ungarn und Standort einer der ältesten Universitäten Mitteleuropas. Wie entwickelte sich die Handelsstadt zu einem kirchlichen und geistigen Mittelpunkt?
Warum wird Trnava das Kleine Rom genannt?
Der Beiname Kleines Rom verweist auf Trnavas besondere Rolle in der Kirchengeschichte des Königreichs Ungarn und auf die Vielzahl sakraler Bauwerke aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit. Entscheidend war das Jahr 1543: Angesichts der osmanischen Bedrohung verlegten die Erzbischöfe von Gran ihren Sitz gemeinsam mit dem Domkapitel nach Trnava.
Nach und nach entwickelte sich die Stadt zu einem Zentrum der Kirchenverwaltung, Bildung, Buchkultur und des Ordenslebens. Neben gotischen Gotteshäusern entstanden barocke Kirchen, Klöster und Seminare. Geistliche, Gelehrte, Studierende und Mitglieder verschiedener Orden prägten das Stadtbild und das gesellschaftliche Leben.
Die ungewöhnlich hohe Dichte an Kirchen und die kirchliche Bedeutung erklären den Vergleich mit Rom, dem historischen Zentrum der katholischen Kirche. Auf Slowakisch heißt der Beiname Malý Rím; auch Slovenský Rím („Slowakisches Rom“) ist gebräuchlich. International findet man die englische Bezeichnung Little Rome, seltener Small Rome.
Wann und von wem der Beiname erstmals verwendet wurde, lässt sich nicht zuverlässig belegen. Seine Wurzeln liegen vor allem im 16. bis 18. Jahrhundert. Einen besonders schönen Blick auf die Kirchtürme des Kleinen Roms bietet der Stadtturm am Dreifaltigkeitsplatz.
Wie Trnava zum kirchlichen Zentrum Ungarns wurde
Trnavas Kirchengeschichte begann lange vor der Ankunft der Erzbischöfe. Bereits im Mittelalter gab es hier Kirchen und Klöster. König Béla IV. verlieh Trnava 1238 die Rechte einer freien königlichen Stadt. Handel, günstige Verkehrswege und städtische Institutionen boten auch den religiösen Gemeinschaften gute Entwicklungsmöglichkeiten.
Der große Wendepunkt kam im 16. Jahrhundert. Die osmanische Expansion bedrohte den ursprünglichen Sitz des Erzbistums Gran. Erzbischof Pál Várday verlegte deshalb 1543 seine Residenz und das Domkapitel nach Trnava.
Damit gewann die Stadt erheblich an Bedeutung. Sie wurde zu einem wichtigen Zentrum kirchlicher Macht im Königreich Ungarn; ihre Kirchen, Schulen und Klöster entwickelten sich entsprechend weiter. Die heutige Basilika St. Nikolaus diente den Erzbischöfen damals als Kathedrale.
Erzbischöfe, Orden und Gegenreformation
Eine Schlüsselfigur war Erzbischof Nikolaus Oláh (Miklós Oláh). Er förderte die Ausbildung von Geistlichen, das Schulwesen und die Jesuiten. 1561 gründete er ein Priesterseminar, das bis heute seinen Namen trägt.
Im 16. und 17. Jahrhundert wurde Trnava zu einem wichtigen Zentrum der katholischen Reform und Gegenreformation. Hier wirkten Jesuiten, Franziskaner, Pauliner und weitere Orden. Neben der Seelsorge engagierten sie sich für Bildung, Fürsorge und Kultur.
Das Wirken dieser Gemeinschaften veränderte die Architektur der Stadt grundlegend. Neben mittelalterlichen Kirchen entstanden barocke Sakralbauten und große Klosteranlagen. Bedeutend war auch Kardinal Peter Pázmány, Erzbischof von Gran und Gründer der Universität Trnava.
Die Universität Trnava: weit mehr als eine kirchliche Schule
1635 gründete Peter Pázmány die Universität Trnava, die sich zu einer der wichtigsten Bildungsstätten des Königreichs Ungarn entwickelte. Die feierliche Eröffnung fand am 13. November 1635 in der Nikolauskirche statt. Zunächst gab es eine philosophische und eine theologische Fakultät, später kamen Rechtswissenschaft und Medizin hinzu.
Die Universität war eng mit dem Jesuitenorden verbunden, ihre Bedeutung reichte jedoch über die Theologie hinaus. Gelehrte aus verschiedenen Disziplinen lehrten hier, Studierende kamen aus ganz Mitteleuropa. Zur Ausstattung gehörten eine Bibliothek, eine Druckerei und eine Sternwarte.
Durch das Universitätsleben wurde Trnava auch zu einem Zentrum von Wissenschaft, Buchdruck und Bildung. Historische Universitätsgebäude, Seminare und die Kathedrale St. Johannes der Täufer zeugen noch heute von dieser Blütezeit.

142 Jahre blieb die Universität in Trnava. 1777 ließ Maria Theresia sie nach Buda verlegen. Die heutige, 1992 neu gegründete Universität Trnava knüpft an diese historische Tradition an.
Die historische Universität Trnava besaß eine eigene Druckerei, eine Bibliothek und eine astronomische Sternwarte. Im 18. Jahrhundert gehörte sie zu den bedeutenden wissenschaftlichen und akademischen Einrichtungen Ungarns. Die Verbindung von Kirchenverwaltung und Hochschulleben gab der Stadt eine besondere Stellung.
Vom Wegzug der Erzbischöfe bis heute
1820 verlegte Erzbischof Alexander Rudnay die Residenz und das Domkapitel wieder nach Gran (Esztergom). Nach 277 Jahren verlor Trnava seine frühere Stellung als erzbischöflicher Sitz, blieb aber ein wichtiges geistliches und kulturelles Zentrum.
Im 19. Jahrhundert entstanden weitere bedeutende katholische Einrichtungen. Dazu zählt der Verein des heiligen Adalbert (Spolok svätého Vojtecha), der 1870 gegründet wurde und einen großen Beitrag zum religiösen Verlagswesen sowie zur slowakischen Buchkultur leistete.
Nach der Gründung der Tschechoslowakei entstand 1922 die Apostolische Administratur Trnava. 1977 wurde Trnava zum Metropolitansitz einer eigenständigen slowakischen Kirchenprovinz erhoben. Seit der Neuordnung von 2008 befindet sich der Metropolitansitz in Bratislava; Trnava blieb jedoch Sitz einer eigenen Erzdiözese.
Die wichtigsten Stationen der Kirchengeschichte Trnavas
Freie königliche Stadt
König Béla IV. verleiht Trnava Stadtrechte und fördert damit die wirtschaftliche Entwicklung.
Ankunft der Erzbischöfe von Gran
Der Erzbischof und das Domkapitel verlegen ihren Sitz nach Trnava.
Gründung des Oláh-Seminars
Erzbischof Nikolaus Oláh richtet eine Ausbildungsstätte für Geistliche ein.
Gründung der Universität
Peter Pázmány gründet eine der bedeutenden Hochschulen im damaligen Ungarn.
Umzug nach Buda
Die Universität wird auf Anordnung Maria Theresias verlegt.
Rückkehr nach Gran
Die fast dreihundertjährige Phase als Sitz der Erzbischöfe endet.
Erzdiözese Trnava
Die Stadt wird Metropolitansitz einer selbstständigen slowakischen Kirchenprovinz.
Kirchliche Neuordnung
Der Metropolitansitz wechselt nach Bratislava, Trnava bleibt Erzbischofsstadt.
Wie viele Kirchen gibt es in Trnava?
Nach Angaben der Stadt zählt Trnava 13 Kirchen. Diese Zahl nennt die Stadt nach der Weihe der Kirche der Göttlichen Barmherzigkeit im Stadtteil Prednádražie am 1. Mai 2025. Der Neubau mit seinem 25 Meter hohen Turm entstand mehr als acht Jahrzehnte nach dem zuvor fertiggestellten Kirchenneubau.
Allerdings findet man auch andere Zahlen. Entscheidend ist, ob nur genutzte Kirchen, ehemalige Gotteshäuser, die Ruine einer orthodoxen Kirche oder Bauten in äußeren Stadtteilen mitgezählt werden. Kapellen werden normalerweise gesondert erfasst.
Die größte Dichte historischer Sakralbauten findet sich in der Altstadt und ihrer unmittelbaren Umgebung. Bei einem Spaziergang lassen sich gotische, Renaissance-, barocke und moderne Kirchenarchitektur entdecken.
Basilika St. Nikolaus

Die Basilika St. Nikolaus gehört zu den ältesten und wichtigsten erhaltenen Sakralbauten Trnavas. Mit dem Bau der monumentalen gotischen Kirche wurde Ende des 14. Jahrhunderts an der Stelle eines romanischen Vorgängerbaus begonnen. Charakteristisch sind die beiden Türme, der weite Innenraum und die historische Ausstattung.
Nach dem Umzug der Erzbischöfe von Gran gewann die Kirche eine besondere Stellung: Von 1543 bis 1820 diente sie als Kathedrale. Noch heute ist sie wegen des verehrten Marienbildes von Trnava ein bedeutender Wallfahrtsort. 2008 erhielt sie den Titel Basilica minor.
Kathedrale St. Johannes der Täufer

Ein weiteres Wahrzeichen ist die Kathedrale St. Johannes der Täufer, einst Universitätskirche der Jesuiten. Sie entstand in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts und gehört zu den wichtigsten frühbarocken Bauwerken der Slowakei.
Der Innenraum ist mit Fresken und Stuck reich verziert. Besonders eindrucksvoll ist der etwa 20 Meter hohe hölzerne Hauptaltar aus dem Jahr 1640. Die Kirche war eng mit der historischen Universität verbunden und ist heute Kathedrale der Erzdiözese Trnava.
Weitere historische Kirchen in Trnava
Das sakrale Erbe der Stadt beschränkt sich nicht auf die beiden berühmtesten Kirchen. Auch andere Gotteshäuser erzählen von den verschiedenen Orden und christlichen Konfessionen, die hier tätig waren.
- Kirche St. Jakobus der Ältere – barocke Franziskanerkirche, die an die lange Präsenz des Ordens erinnert.
- Dreifaltigkeitskirche – historische Kirche, die mit den Jesuiten und dem Barock verbunden ist.
- Kirche St. Josef – zunächst von Calvinisten errichtet und später von Paulinern übernommen.
- Kirche St. Anna – Ursulinenkirche mit einer Tradition der Mädchenbildung.
- Kirche St. Helena – wertvolle gotische Kirche aus dem 14. Jahrhundert.
- Mariä-Himmelfahrt-Kirche – Teil des früheren Klarissenklosters, das heute das Westslowakische Museum beherbergt.
- Evangelische Kirche – bemerkenswerter Sakralbau der Moderne aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Im 20. und 21. Jahrhundert kamen weitere Kirchen hinzu, darunter die Salesianerkirche Maria Hilfe der Christen, die Herz-Jesu-Kirche und die jüngste Kirche der Göttlichen Barmherzigkeit in Prednádražie.
Nicht nur Kirchen: Synagogen, Kapellen und Klöster
Obwohl der Beiname Kleines Rom eng mit der katholischen Geschichte verbunden ist, ist Trnavas religiöses Erbe vielfältiger. Dazu gehören Klöster, Seminare, Kapellen, historische Begräbnisstätten und zwei erhaltene Synagogen. Sie machen deutlich, dass nicht nur eine Religionsgemeinschaft die Geschichte der Stadt geprägt hat.
Die zwei Synagogen von Trnava

Eine jüdische Gemeinde gab es in Trnava bereits im Mittelalter. 1539 wurden die jüdischen Einwohner jedoch aufgrund einer falschen Ritualmordbeschuldigung vertrieben. Erst in späteren Jahrhunderten, besonders im 19. Jahrhundert, entwickelte sich wieder ein größeres jüdisches Gemeindeleben.
Ende des 19. Jahrhunderts entstanden zwei bis heute erhaltene Synagogen. Die repräsentative Status-quo-ante-Synagoge in der Halenárska-Straße wurde 1897 nach einem Entwurf des Wiener Architekten Jakob Gartner fertiggestellt. Sie besitzt zwei Türme und eine Ziegelfassade. Heute beherbergt sie das Zentrum für zeitgenössische Kunst der Ján-Koniarek-Galerie. Vor dem Gebäude steht ein Holocaust-Denkmal.
Die nahe gelegene orthodoxe Synagoge ist kleiner und schlichter. Sie bestand bereits spätestens 1895 und wird nach der Restaurierung als Café genutzt. Beide Gebäude erinnern an die jüdische Gemeinde, die das Wirtschafts- und Kulturleben der Stadt mitprägte und im Holocaust schwer getroffen wurde.
Klöster, Seminare und Kapellen
Kloster- und Universitätsanlagen nehmen einen wichtigen Platz in Trnavas Geschichte ein. Zu den ältesten gehört das ehemalige Kloster der Klarissen, die seit dem 13. Jahrhundert in der Stadt wirkten. Heute ist dort das Westslowakische Museum untergebracht.
Das Oláh-Seminar und weitere historische Seminargebäude erinnern an die Bildungstradition. Manche werden weiterhin genutzt, andere erhielten neue Funktionen. Mehrere Anlagen enthalten Kapellen und Räume, die einst dem geistlichen Leben der Ordensleute und Studenten dienten.
Zum religiösen Erbe gehören auch verschwundene Bauwerke wie die Kirche St. Michael sowie archäologische Funde bei der Nikolausbasilika. Das historische Stadtbild war also noch reicher, als es heute erscheint.
Heiligenfiguren, Skulpturen und sakrale Denkmäler
Die Religionsgeschichte ist auch außerhalb der Kirchen sichtbar. Besonders markant ist die barocke Dreifaltigkeitssäule auf dem Trojičné-Platz, eines der Wahrzeichen der Altstadt. Kleinere Heiligenstatuen, Kreuze und weitere Denkmäler stehen auf Plätzen, vor Kirchen und in den umliegenden Straßen.
Zusammen mit den Kirchtürmen, Klöstern und Seminaren prägen sie eine Stadt, in der Religion über Jahrhunderte zur Architektur und zum Alltag gehörte.
Die Trnava-Novene und jahrhundertealte Traditionen
Kleines Rom ist nicht nur ein historischer Name. Das kirchliche Leben prägt Trnava bis heute. Das bekannteste Beispiel ist die jährliche Trnava-Novene, eine Marienwallfahrt, zu der Gläubige und Pilger in die Nikolausbasilika kommen.
Die Trnava-Novene: die Geschichte der Muttergottes von Trnava

Die Tradition ist mit einem verehrten Marienbild in der Basilika St. Nikolaus verbunden. Nach kirchlicher Überlieferung soll das Bild 1663 und 1708 auf unerklärliche Weise Tränen vergossen haben. Die Ereignisse von 1708 wurden von kirchlichen Stellen untersucht und stärkten die Marienverehrung.
1710 wurde Trnava von einer Pestepidemie heimgesucht. Die Einwohner beteten um Schutz und veranstalteten eine feierliche Prozession. Nach religiöser Überlieferung ließ die Epidemie danach nach. Die Geschichte wurde Teil des lokalen Gedächtnisses und bildet die Grundlage jährlicher Marienfeiern.
Die heutige neuntägige Form der Novene entstand 1944. Traditionell wird sie vom 13. bis zum 21. November begangen, mit Gottesdiensten, Predigten, Gebeten und weiteren Veranstaltungen. Sie gehört zu den bedeutenden marianischen Wallfahrtstraditionen der Slowakei.
Die Marienverehrung in Trnava geht auf die Ereignisse von 1710 zurück. Die heute übliche neuntägige Novene entstand jedoch erst 1944. Frühere Feiern konzentrierten sich auf den 21. November und hatten später auch eine dreitägige Form.
Prozessionen und christliche Feiertage
Ostern, Weihnachten, Marienfeste und die Patronatsfeste einzelner Pfarrgemeinden sind feste Bestandteile des Kirchenjahres in Trnava. Dazu gehören Gottesdienste, geistliche Konzerte und gelegentlich Prozessionen durch die Stadt.
Eines der sichtbarsten öffentlichen Feste ist Fronleichnam, das Hochfest des Leibes und Blutes Christi. Eucharistische Prozessionen führen durch das historische Zentrum und verbinden symbolisch mehrere Sakralbauten.
Eine besondere Stimmung herrscht während Advent und Weihnachten. Neben Gottesdiensten und Konzerten füllen Weihnachtsmärkte und Kulturveranstaltungen die Altstadt. Das heutige Adventsprogramm ist zwar auch gesellschaftlich und touristisch geprägt, seine Ursprünge liegen jedoch im christlichen Festkalender.
Kleines Rom heute: ein lebendiges historisches Erbe
Trnava ist heute kein kirchliches Zentrum des historischen Ungarn mehr, und auch seine akademische und gesellschaftliche Rolle hat sich verändert. Dennoch blieb ein außergewöhnlich reiches sakrales Erbe erhalten: In Kirchen werden Gottesdienste gefeiert, frühere Klöster dienen als Museen oder Bildungseinrichtungen, Synagogen haben neue kulturelle Funktionen und traditionelle Feste bestehen fort.
Der Name Kleines Rom ist deshalb mehr als ein Hinweis auf die Vergangenheit. Er gehört zur Identität Trnavas und zu seinen bekanntesten touristischen Bezeichnungen. Er erinnert an Kirchen und Türme ebenso wie an das geistige Leben, die Hochschulen und die bedeutenden Kunstwerke vergangener Jahrhunderte.
Wer heute durch das historische Zentrum spaziert, begegnet diesem Erbe auf Schritt und Tritt – von der gotischen Nikolausbasilika über die barocke Kathedrale St. Johannes der Täufer bis zu kleinen Kapellen, Klöstern und Synagogen. Kleines Rom ist nicht nur ein Beiname, sondern eine Stadtgeschichte, die sich zu Fuß entdecken lässt.
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